Die Dachorganisation aller Volkstums- und Brauchtumsgruppen in Rheinland-Pfalz

Geschichte

ENTSTEHUNG UND AUFGABEN DES VERBANDES FÜR VOLKSTUM UND HEIMAT

Die Pflege der Trachten und des Brauchtums durch besondere Vereinigungen setzte in der Pfalz als Auswirkung des ersten Volkstrachtentreffens des Bayernlandes, das 1895 in München stattfand, um die Jahrhundertwende ein, zu einer Zeit, da die letzten Trachten aus dem Alltagsleben in der Pfalz verschwanden.

Die noch wenigen losen oder gebundenen Vereinigungen, die älteste mit dem Jahrgang 1905 in Billigheim, vertraten Pfälzer Tracht und Brauch über ihre örtliche Ebene hinaus bei regionalen und bei Landes-Veranstaltungen, doch kannten sie keinen Zusammenschluss. Die beiden Weltkriege unseres Jahrhunderts brachten viele - vor allem die losen - Vereinigungen zum Erliegen. Andererseits bewirkten sie ein stärkeres Besinnen auf eigenes Wesen und förderten so Neugründungen und Neukonstituierungen. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, beginnend mit dem Jahr 1949, wurden viele neue Gruppen gegründet, bei denen allerdings oftmals der Werbegedanke Pate stand.

Das im uralten Erntebrauchtum der Weinlandschaft wurzelnde jährliche Pfälzer Weinlesefest in Neustadt an der Weinstraße - ein Jahr zuvor als Deutsches Weinlesefest erneuert - und sein von Winzergruppen und Trachten geprägter Festzug standen im Herbst 1950 bevor. In der Vorbereitung auf dieses Fest trafen sich auf Initiative von Verkehrsdirektor Ludwig Geiger und Tanzlehrer Peter Korb Vertreter aus neu gegründeten und neu konstituierten Trachtengruppen, um über eine mögliche künftige Zusammenarbeit zu sprechen. Bei einer weiteren Sitzung am 15. September 1950 gründeten im ,,Bayerischen Hof” zu Neustadt/Weinstraße dann die Herren Ludwig Geiger, Peter Korb und die Trachtenfreunde Erwin BoIz (Gimmeldingen), Hans Moster und Eugen Müller (beide Neustadt), Emil Platz (Hambach) und Rudolf Stockmann (Haardt) die ,,Arbeitsgemeinschaft pfälzischer Trachtengruppen” als Arbeitsgruppe innerhalb des ,,Pfälzischen Verbandes für freie Volksbildung e.V.”. Den Vorsitz der Arbeitsgemeinschaft führte zunächst Peter Korb, danach Ludwig Geiger und ab 1953 Fritz Herzog.

Der Arbeitsgemeinschaft gehörten Trachten-, Volkstanz-, Volkstums- und historische Gruppen an. Die Zahl der Mitgliedsvereinigungen wuchs von 11 im Jahre 1951 auf 41 im Jahre 1958 an.

Ein Volkstums- und Trachtenausschuss mit namhaften Fachleuten, unter ihnen die Herren Fritz Herzog, Dr. Ernst Christmann, Jacob Enders und Dr. Karlwerner Kaiser, betreute die Gruppen and deren Schulung. Neben der Pflege der Tracht, des Volkstanzes and Volksliedes erstreckte sich die Arbeit bald auch auf Feiergestaltung, Laienspiel, Mundart und Brauchtum. Zentrum für die Schulungsarbeit war die Heimvolkshochschule Lambrecht (heute ,,Pfalzakademie”).

Mit großen, landschaftlich wechselnden Pfälzer Trachtenfesten trat die Arbeitsgemeinschaft vor die Öffentlichkeit.

Die Ausweitung der Aufgaben durch Mitwirkung in der praktischen Heimat- und Brauchtumspflege und eine Umstrukturierung der Aufgaben und der Führung im ,,Pfälzischen Verband für freie Volksbildung” führten schließlich zu einer Neukonstituierung. Am 4. Mai 1958 gründeten die Mitgliedsvereinigungen der Arbeitsgemeinschaft in Lambrecht den

Verband für Volkstum und Heimat in Rheinland-Pfalz

Sitz: Neustadt/Weinstraße

als eigenständigen Landesverband. Zum Vorsitzenden wurde Fritz Herzog gewählt; ihm folgten 1970 Dr. Karlwerner Kaiser und 1985 Stephanie Geis, die 1997 zur Ehrenvorsitzenden ernannt wurde. Nachfolger im Amt des 1. Vorsitzenden war bis März 2007 Thomas Griesch, seitdem ist Erwin von der Au der Landesvorsitzende.

Der Verband sieht seine Hauptaufgaben in der Förderung der Heimatpflege und der Volkstumsarbeit in Rheinland-Pfalz je nach den landschaftlichen Verschiedenheiten. Diesem Ziel dienen vor allem die Stärkung der bestehenden und die Gründung neuer Volkstumsarbeit treibender Gruppen und Vereine, die Erstellung und Durchführung allgemein gültiger Grundsätze für die Pflege und Förderung der Heimat- und Volkstrachten, des Volksliedes und -tanzes, alter Sitten und Bräuche, der Mundart, des Laienspiels und historischer Heimatwerte. Er bekennt sich sowohl zur Pflege überkommener Werte der Volksüberlieferung und Volkskultur als auch zum Volkstum der Gegenwart und seiner Ausdrucksformen und ihrer Gestaltung.

Die Mitarbeit in der Jugendpflege und die Förderung der Völkerverständigung durch die Mitwirkung bei internationalen Treffen und Jugendbegegnungen sind weitere Aufgaben, denen sich vor allem der Verbandsjugendrat widmet.

Das Rüstzeug für die Arbeit in den Mitgliedsgruppen und -vereinen vermittelt der Verband in Wochenendseminaren für Volkstanz und -lied, für Laienspiel und Feiergestaltung, verbunden mit der Einführung in die Kultur-, Brauchtums- und Heimatpflege sowie bei Tagungen für Vorstände und Gruppenleiter. In den letzten Jahren finden ferner eigene Jugendtanzschulungen statt, um speziell Kinder- und Jugendvolkstänze zu vermitteln.

Der Volkstanzschulung dienen vom ,,Arbeitskreis Volkstanz” des Verbandes zusammengestellte Tanzanleitungshefte mit Noten und Tanzbeschreibungen. Erschienen sind bisher Band 1, II, III,IV und V mit 200 vom ,,Arbeitskreis Volkstanz” choreographisch, auch für Laien verständlich, überarbeiteten Volkstänzen; weitere sind in Bearbeitung.

Der Darstellung der Verbandsziele und der Arbeit in den Mitgliedsgruppen und -vereinen in der Öffentlichkeit dient das Verbandsorgan ,,Volkstum und Heimat” mit Beitragen aus den Gebieten der Volkskunde, der Landschaftskunde und der Denkmaipflege und Berichten aus dem Wirken der Gruppen und Vereine und zu Verbandsaktivitäten. Schriftleitung hatte zunächst Fritz Herzog bis zu seinem Tode im Jahr 1981, danach Dr. Karlwerner Kaiser bis 1989; ab 1992 hat ein Vorstandsteam die Leitung übernommen.

Ein wissenschaftlicher Beirat aus fachkundigen Sachbearbeitern und Sachbearbeiterinnen berät und unterstützt die Mitglieder bei ihrer Arbeit.

Zu Organisationen und Institutionen mit gleicher oder ähnlicher Zielsetzung unterhält der Verband im In- und Ausland enge Kontakte.

Im Zeichen der Völkerverständigung wurde mit der ,,Fédération Départementale des Groupes Folkloriques de la Côte d‘Or” mit Sitz in Dijon/Burgund Partnerschaft geschlossen und am 12. Mai 1984 der Vertrag in Dijon unterzeichnet. Durch die freundschaftlichen Beziehungen mit den Folkloregruppen der Côte d’Or schlossen sich - unserem Beispiel folgend - im Jahre 1984 die Folkloregruppen in Burgund ebenfalls zu einem ,,Gesamtverband” zusammen. So lag es nahe, mit dem Gesamtverband, der ,,Fédération Régionale des Groupes Folkloriques Bourguignons” mit Sitz in Dijon ebenfalls Partnerschaft zu pflegen. Der Vertrag wurde am 20. März 1988 im Ratssaal der Stadt Neustadt/Weinstraße urkundlich besiegelt.

Ziel der Partnerschaft ist es, dauerhafte freundschaftliche Beziehungen zwischen den Verbänden und ihren Mitgliedern zu schaffen, das gegenseitige Kennenlernen und den Austausch auf kultureller Ebene im Bereich der Heimat- und Brauchtumspflege zu fördern, getragen vom Geist europäischer Zusammenarbeit.

Der Verband gliedert sich zur Zeit in die landschaftlichen Bereiche Rheinhessen-Pfalz und Mosel-Eifel-Hunsrück. Dem Verband gehören Volkstanz-, Volkstums-, Trachten-, Brauchtums- und historische Gruppen an, ferner von anderen Institutionen (wie Deutsche Wanderjugend, Landjugend) getragene Gruppen, ebenso Einzelmitglieder und Körperschaften.

Von der aus 41 Gruppen bestehenden Gründungsmannschaft des Jahres 1958 überlebten im Zeichen der geistigen und gesellschaftlichen Entwicklung bis zum Jahre 1970 nur 18 Gruppen, doch waren es 1975 bereits wieder 22 Gruppen und 1980 bereits 46 Gruppen. Heute gehören dem Verband als Mitgliedsvereinigungen 65 Gruppen und Körperschaften an.

Die Tradition der Pfälzer Trachtenfeste der fünfziger Jahre wurde vom Verband für Volkstum und Heimat fortgeführt. Mit seinen Großveranstaltungen: Landestrachtentreffen, Landes-Jugendtrachtentreffen, Bereichstrachtentreffen und Johannisfeier zum Mittsommer tritt der Verband alljährlich in die Öffentlichkeit. Mit befreundeten Gruppen aus dem In- und Ausland gefeiert, bilden diese Feste Kundgebungen für Heimat- und Brauchtumspflege.

Seit 1984 wirkt der Verband mit seiner ,,Landestrachtengruppe” und mit vielen seiner Mitglieder auch bei den Rheinland-Pfalz-Tagen mit, sowohl zur Mitgestaltung des Rahmenprogramms wie auch bei den Festzügen an den Sonntagen.

Neuland beschritt der Verband im Jahre 1985 mit einem ,,Seminar zur Ausbildung als Tanzleiter/in für Volkstanz”. In Grund- und Aufbaukurs wurde den Teilnehmer/innen in 60 Unterrichtsstunden das notwendige Rüstzeug und das Fachwissen vermittelt. Im Februar 1987 legten dann 17 Kursteilnehmer/innen vor dem Prüfüngsausschuß des Verbandes die Abschlussprüfung ab. Die Durchführung solcher Seminare ist auch künftig bei Bedarf beabsichtigt.

Nach seinem Selbstverständnis sieht sich der Verband für Volkstum und Heimat als federführender Landesverband für Heimat- und Brauchtumsgruppen in Rheinland-Pfalz. Er ist Mitglied im ,,Deutschen Trachtenverband”, Sitz München.

Seit 1950 widmen sich nun im Verband und in seinen Mitgliedsgruppen Menschen aller Altersstufen der Erhaltung, Pflege und Förderung von Volks- und Brauchtum unserer Heimat. Seit 1950 bis heute geschieht dies ehrenamtlich.